Rede von Atai Keller zum Platz der Alten Synagoge

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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

von der Errichtung der Gedenkplatte 1962, die 1966 ein zweites Mal erhöht aufgestellt und enthüllt wurde, über die viel zu späte Benennung des Platzes in „Platz der Alten Synagoge“ im Jahre 1996 bis hin zum Gurs-Schild des Büros für ungewöhnliche Maßnahmen aus dem Jahre 2000, die Geschichte des Platzes und seiner Erinnerungsmaßnahmen ist eine schwerfällige und zauderliche. Von der Auslobung des Realisierungswettbewerbs 2006 bis zum offiziellen Spatenstich vergingen noch einmal 10 Jahre.

Warum erwähne ich das? Liebe Kolleginnen und Kollegen, erst einmal müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir gerade jetzt das wichtigste, aber auch vielleicht eines der schwierigsten Kapitel unserer neueren Stadtgeschichte schreiben, nämlich die endlich grundsätzlich sichtbare Erinnerung an das Unfassbare, an das Leid und Unrecht der Jüdischen Gemeinde in Freiburg manifest am Ort der alten Synagoge werden zu lassen und dies dann in Einklang zu bringen mit dem größten urbanen Platz der Stadt.

So müssen wir große Achtung haben vor dem Dialogverfahren der jüdischen Gemeinden und der Stadtverwaltung, vor den engagierten  Akteuren, die gemeinsam in vielen Runden versucht haben, Auswege zu suchen aus dem Dilemma der abgetragenen Steine der alten Synagoge und doch in der Lage waren, einen gemeinsamen Weg zu finden, der Erinnerungskultur in der Stadt eine neue Prägung zu verleihen. Ich will gar nicht mehr näher auf die Maßnahmen (digitale Stele, Piktogramme, Synagogenmodell, Zonierungsband) eingehen, die jetzt zur Realisierung frei gegeben werden, sie finden allgemeine Zustimmung bis auf das Beleuchtungskonzept, das wir uns noch einmal genau ansehen wollen. Die Sichtbarmachung der ermordeten Freiburger Jüdinnen und Juden über die Nennung der Namen bleibt momentan ein unerledigtes Feld und eine offene Frage. Wir erachten das als eine zukünftige Aufgabe an die Stadtverwaltung und die jüdischen Gemeinden, daran ganz konkret weiter zu arbeiten. Denn, meine geschätzten Kolleginnen und Kollegen und liebe Zuhörerschaft auf der Tribüne, die Geschichte lehrt uns, daß die Erinnerungsarbeit in diesen Zeiten der offenen rechten Angriffe und Hasstiraden gegen jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen gerade durch deutliche Solidarität und  zukünftige Bildungsarbeit verstärkt werden muss.

So ist ein Kapitel der gemeinsamen Dialogarbeit am Platz beendet und ein weiteres wird aufgeschlagen. Am zukünftigen NS-Dokumentationszentrum oder auch Haus der Demokratie, geht es jetzt darum, einen geeigneten Weg zwischen Gedenkort, Dokumentations- und Bildungsort zu finden. Einen kleinen Vorgeschmack auf die nicht einfache inhaltliche Konzeptionsarbeit bekamen wir jüngst in einem Workshop der Stadtverwaltung mit den verschiedenen Akteuren. Das geht nur über eine große gemeinsame Anstrengung. 

Abschließend zitiere ich Frau Julia Wolrab, die eine Dokumentation verfasst hat über die Geschichte der alten Synagoge und ihre Eigentumsrechte: „Die Maßnahmen und Gespräche der Zukunft werden zeigen, ob die Stadt Freiburg sowie alle weiteren, an diesem Prozess beteiligten Akteure, zu einem maßvollen und langfristigen Konzept einer eigenen Erinnerungskultur finden werden, das Aushängeschild und Vorbild für andere Städte zugleich sein kann.“

Wir denken, wir sind auf diesem Weg. Wir denken aber auch, es ist ein offener Weg. Die Fragen und Aufgaben werden uns weiter begleiten.

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