Kultur Fehlanzeige?

Atai Keller

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte Bürgermeisterbank,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

ein Haushalt unter schwierigen Vorzeichen, ein Haushalt unter pandemischen Bedingungen, Projekte werden verschoben, auf schon beschlossene Vorhaben wird ganz verzichtet. Dennoch Schwerpunkte: Wohnen, Digitales, Klima, Verkehrswende. Die Kultur ist Fehlanzeige, der Kulturbürgermeister rühmt sich, es gäbe keine Kürzungen im Kulturbereich, um wenig später die Folgen der Aussetzung der mühsam erkämpften jährlichen Dynamisierung klein zu reden. Ein Fiasko für alle Einrichtungen.

Doch es gibt inzwischen immer mehr Gemeinderäte und Rätinnen, die sich um die kulturellen Belange der Stadt auch im Sinne der Nachhaltigkeit kümmern wollen und denen die Kulturstadt Freiburg am Herzen liegt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, retten wir gemeinsam das Haus zum Herzog vor einem drohenden Verkauf und die Stadthalle vor einem drohenden Zerfall durch mutige Konzepte. 

In diesem – zugegeben – besonderen Haushalt setzt nun der Gemeinderat die kulturellen und künstlerischen Akzente. Der Corona-Nothilfefonds als ein Schwerpunkt, die Förderung von Musik, Pop, Sub- und Clubkultur als ein weiterer. Künstlerische Kooperationen und Beteiligungsprojekte  als ein dritter. Spärlicher fällt der Einsatz für die Breite der Kultur aus. Einige für uns wichtige Anträge haben dieses Mal keine Mehrheit gefunden. Ich nenne unter anderem das Swetajewa Zentrum, den GEDOK-Zusammenschluss, Musik im Dialog oder die nicht nur von der Fachwelt gepriesene freie Kammeroper „Opera Factory“. Für die Statistik: weitere 26 Institutionen hatten Erhöhungsanträge gestellt, die nicht berücksichtigt wurden.

Erfolgreich konnten wir als Fraktionsgemeinschaft SPD-Kulturliste mit anderen Fraktionen folgende Anträge durchsetzen: Das Festival „Ins Weite“, das Lichtkunstfest, die Kunstbiennale, das Chorfest und der Tanzpakt können wie beantragt in 21 oder 22 stattfinden, das AktionsTheater Panoptikum kann in der Lokhalle seine Räume auch anderen Gruppen zur Verfügung stellen, die Alemannische Bühne, die Kubus-Projektewerkstatt, der Jazzchor und das Ensemble Recherche sind in ihrer Struktur stabilisiert.

Heute bringen wir drei Anträge nochmals zur Abstimmung: Das Freiburger Barockorchester, ein modifizierter Antrag aus der 2. Lesung, und dann das ensemble aventure und das Kulturwerk T66, die jeweils in ihrer Sparte verbesserte Arbeitsbedingungen dringend brauchen.

Warum nenne ich die einzelnen Antragstellungen? Um Ihnen zu zeigen, welche Vielfalt das Freiburger Kulturleben ausweist und welch enormer finanziellen Druck in den einzelnen Einrichtungen durch die Corona-Krise entstanden ist. Bund und Land haben inzwischen einige Förderprogramme aufgelegt, die sind auch angekommen, aber bei den vielen Soloselbstständigen herrscht größte Not, die letztlich nur durch ein Grundeinkommen für Künstler/innen behoben werden kann. 

Nun wird ja vom Oberbürgermeister ein Restrukturierungs- und Modernisierungsprogramm unter dem Motto „Impuls für Wandel und Innovation“ für die nächsten fünf Jahre eingebracht, alle Bereiche der Stadtverwaltung sollen auf den Prüfstand nach dem Motto: alle 15 Jahre muss sich eine Stadt erneuern. Wo steht das eigentlich? Leider fällt dieses ehrgeizige Programm im Bereich der Kultur mit der Fortschreibung des Freiburger Kulturkonzeptes zusammen und so befürchte ich, dass die Erneuerung in der Kultur nicht nach inhaltlichen, sondern nach finanziellen Gesichtspunkten stattfindet. Immer noch ist die Kultur eine freiwillige Aufgabe! Transparenz und Beteiligung sind hier im offenen Diskussionsprozess gefordert.

Der Ruf nach Kultur wird zwischenzeitlich immer lauter. Die Allianz der Freien Künste fordert vehement eine Differenzierung beim Infektionsschutzgesetz. Der Städtetag meldet sich mit einem Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt, der deutsche Kulturrat mahnt den sorgfältigen Umgang nach der Pandemie mit Kultur und Kunst an, Kultur soll Staatsziel und endlich im Grundgesetz verankert werden. Auf lokaler Ebene ist die FWTM  mit ihren verschiedenen wirtschaftsfördernden Gremien und ihrer Kompetenz in Kultur- und Kreativwirtschaft am Start, die Bürgervereine sorgen sich um die Verödung der Innenstadt und rufen nach mehr Kultur, die Wirtschaft sucht nach neuen kreativen  Ansätzen und nicht zuletzt startet das Kulturamt durch seine Kampagne „Wer werden wir gewesen sein? KULTUR-LOS“ eine neue Sichtbarmachung von Kultur in der Stadt. Deswegen ist alles, was momentan auf der Bundesebene passiert mit Schließung, Verhinderung und Aussperrung ein nationales Trauerspiel.

So sollten auch wir uns neuen Überlegungen von Kulturförderung oder Schwerpunktsetzungen nicht verschließen, neue digitale Ansätze aufnehmen und künstlerische Prozesse in den Mittelpunkt stellen. Dafür muss dann am Ende vielleicht sogar mehr Geld aufgebracht werden. Gerade nach der Pandemie wird die Kultur eine ganz zentrale Rolle in unserem Leben spielen und zur weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft entscheidend beitragen.

Abschließend möchte ich sagen, dass ich ganz aktuell die Hoffnung habe, dass die Stadtverwaltung und der OB sich inspirieren lassen von der Kulturagenda 2021 und dass mit Hilfe von uns allen doch vielleicht ein swingender „Summer in the city“ von  The Lovin‘ Spoonful oder von Joe Cocker oder besser noch von der Freiburger Szene stattfinden kann, in dem dann auch der Tag- und der Nachtmanager ihre Runden drehen können und in dem größere, aber auch kleinere Plätze und Orte bespielt werden und sich eine neue Freiheit wieder breit machen kann, die wir doch alle so herbeisehnen.

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